Über dem Boden der Tatsachen und anderswo.

Ein unregelmäßig geführtes fotografisches Tagebuch. Beobachtungen der Menschen die mir begegnen, Momente die sich vor meinen Augen abspielen. Dinge die mich innehalten lassen, ein Wohlgefallen hervorrufen. Die Schönheit des Alltags.

Im Folgenden wird viel über das Schöne "gesagt", ohne etwas über "das Schöne" zu sagen. Jede funktionalistische Suche nach den gegenständlichen oder metaphysischen Bedingungen des "Schönen", jeder Versuch ihm nahezukommen oder es gar verstehen zu wollen, kann nur der Beginn einer Irrfahrt sein.

Die meisten Theoretiker und Liebhaber des „Schönen“ scheitern an einem grundsätzlichen Missverständnis des Schönheitsbegriffs. Nicht auf das Kollektiv, eine von allen Individuen einer Gesellschaft geteilte Einstellung bezüglich des „guten“ und „richtigen“ Geschmacks, nicht auf allgemeingültige Regeln und Gesetze, ist das Schöne zurückzuführen, sondern es verweist allegorisch auf einen Fundus individueller Bilder und Erfahrungen, ähnlich dem „ägyptische[n] Traumbuch des Wachenden“ in Walter Benjamins Beschreibungen des Flaneurs (1929:198).

Diesem Fundus zugehörig ist auch die der Einbildungskraft Benjamins Flaneurs entspringende Geschichte, welche er den Dingen, den geschichtenhaltigen Details, denen er auf seinen Streifzügen durch Paris nachspürt, erzählt. Diese Geschichte, nicht verstanden als „eine Einsicht in historische Zusammenhänge“ (Jauslin 1990:142), ist das Wiederfinden „der Unschuld des ersten Blickes […] dem das Alltägliche ästhetisches Zeichen ist“ (ebd.:142).

„Das Ästhetische“ versteht Kurt Jauslin weder als eine reine Wahrnehmungstheorie noch als Begriff von „Schönheit“, der den bürgerlichen Schönheitstheorien verwandt ist. Nicht die Suche nach dem „Schönen“ oder dem „guten“ Geschmack – „was auch immer man darunter verstehen mag“ (ebd.:127) – steht im Zentrum von Jauslins Überlegungen, sondern eine ästhetische Theorie, der es nicht um Herrschaft und Unterdrückung des Einzelnen geht, sondern die „einzig auf den Einzelnen baut“ (ebd.:152).

„Im Namen der gesellschaftlichen Zwecke jeglicher Couleur ist der Einzelne immer nur Material und Opfer gewesen. Das Ästhetische dagegen ist jenes Ordnungsprinzip, das einzig auf den Einzelnen baut; in ihm erkennt es den Garanten seines Überlebens: mit ihm“ (Jauslin 1990:152).

Benjamin, W. 1929 Die Wiederkehr des Flaneurs. In: R. Tiedemann & H. Schweppenhäuser (Hrsg.)(1991): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften; Band 3 - Kritiken und Rezensionen. 1. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main: 194-198.

Jauslin, K. 1990: Denkmale des Ästhetischen. In: I. Habig & K. Jauslin (Hrsg.)(1990): Der Auftritt des Ästhetischen. Zur Theorie der architektonischen Ordnung.

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main: 105 - 198.

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